5SEP

Sólstafir: "Es soll nach Neil Young klingen. Und nach Slayer."

Wir haben 25° im Schatten, sitzen in einem Tal unter einer alten Burgruine beim Gothoom Open Air in der Slowakei und haben heute die bekloppten pseudomexikanischen Machetenschwinger von Brujeria genauso wie einige lokale Grindcorebands gesehen. Irgendwie passen Sólstafir aus dem fernen Island kaum ins Bild, konnten das Publikum aber wieder einmal mit ihren monotonen, langsamen und irgendwie die-Zeit-vergessen-lassenden Klängen begeistern. Wir haben Sänger und Gitarrist Aðalbjörn Tryggvason gerade noch vor der Abreise für ein kurzes Interview zu fassen bekommen.

Laut Wikipedia haben Sólstafir sich von Viking Metal über Psychedelic Rock zu Alternative Rock entwickelt. Es scheint, als würdet ihr mehr Menschen erreichen, je weniger aggressiv eure Musik klingt. Trotzdem findet ihr viele Anhänger in der elitären Black-Metal-Szene. Wie erklärst du dieses Phänomen?

Naja, tief in unseren Herzen sind wir immer noch eine Metalband. Ganz so viel hat sich dann auch wieder nicht geändert. Wir schreiben immer noch Songs mit verzerrten Gitarren und einige Parts sind sogar noch heavier als früher. Die Vocals sind weniger extrem, aber es ist auch wirklich lange her, dass wir etwas waren, was man eine Black-Metal-Band nennen konnte. Selbstverständlich haben wir immer noch Stilelemente vom Black Metal. Wir sind wirklich dankbar dafür, dass wir beispielsweise am Freitag bei knallendem Sonnenschein ein Festival für normale Menschen in Holland spielen und am Samstag dann auf dem Brutal Assault neben Marduk auf der Bühne stehen. Mit denselben Songs, derselben Setlist.
Was unseren Stil angeht, hm… Den Wikipedia-Artikel haben wir nicht selber geschrieben. Irgendwie fehlt für so etwas eine Bezeichnung. Für Bands wie uns. Wir sind da ja nicht die einzigen. Katatonia, Anathema, Alcest, die spielen ähnliche Musik. Früher hätte man gesagt, dass das alles Heavy Metal ist. Oder Grunge oder Death Metal oder Punk. Es gibt so viele Kategorien mittlerweile. Post-Sowieso, Shoegaze-Sonstwas. Bla, bla, bla. Keine Ahnung, mich interessiert der Quatsch nicht wirklich.

Ich finde, das ist gerade der Vorteil. Wenn es keine Kategorie dafür gibt, heißt das, dass ihr etwas Außergewöhnliches macht, das vorher noch nicht da war.

Ja, ich finde, das das der richtige Weg ist. Wenn du jetzt mal an Nine Inch Nails denkst, die würdest du nicht als Industrial bezeichnen und ebenso wenig als Rockband. Es sind einfach bloß Nine Inch Nails. Dasselbe gilt für Pink Floyd oder Sigur Rós.

Euer letztes Album Berdreyminn ist ein weiterer Beweis dafür, wie analytisch und intellektualisierend ihr die heutige Welt beschreibt. Du hast mal gesagt, dass ein “Berdreyminn” jemand ist, der von Menschen träumt, bevor er sie im wahren Leben trifft. Eure Texten behandeln unbequeme Themen wie Verlust, Einsamkeit, häusliche Gewalt und Depressionen. Während die Texte sehr intellektualisierend sind, sagst du, dass die Musik “einfach so passiert“, dass sie ungeplant sei und natürlich entsteht. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Hm, ich weiß nicht. Vielleicht interpretierst du da zu viel hinein. Das ist ja bloß der Albumtitel. Darum geht es nicht in den Texten. Wir haben einen Song über Lawinen auf dem Album. Ich habe noch nie eine Lawine mit eigenen Augen gesehen. Aber es geht darum, zu beschreiben, was tatsächlich passiert auf der Welt. Wir haben aber tatsächlich einen Song über häusliche Gewalt. Wenn jemand, der dir nahesteht, so etwas erzählt, bist du schockiert, wütend, traurig. Aber das ist nicht geplant. Niemand plant so etwas. Das ist genauso zufällig wie die Musik. Dein Hund könnte sterben, du kannst ungewollt Vater werden, das alles kannst du nicht planen. Berdreyminn ist wie eine Naturgewalt. Das Album hätte unmöglich anders ausfallen können. Gleichzeitig wird das nächste Album komplett anders sein. Wenn du in Island morgens aufwachst, hast du keine Ahnung, wie das Wetter an dem Tag wird. Vor ein paar Wochen hatten wir noch Schneesturm. Es ist Juli! Unsere Musik ist wie das isländische Wetter – du weißt nie, was du kriegst.

Da ihr euch mit derart unbequemen Themen beschäftigt – kommt es vor, dass du an gewissen Abenden Songs auf der Setlist hast, die du einfach nicht singen willst, weil du das Thema nicht schon wieder aufrollen und die Wunden aufreißen willst?

Das könnte womöglich für Ambátt gelten, das ist der Song über häusliche Gewalt. Den haben wir noch nie live gespielt. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich fühlen würde, wenn wir den live spielen sollten. Noch nicht. Der Song ist auch nicht wirklich Rock and Roll. Manchmal sage ich, dass wir tief in unseren Herzen immer noch eine Metalband sind, aber wir haben mit Judas Priest oder Dimmu Borgir wirklich nicht mehr viel gemein. Ich finde trotzdem, dass wir eine Rockband sind, obwohl die Texte kein Rock and Roll sind. Oder sind sie das? Das wird uns die Entwicklung der Musik in den nächsten Jahren zeigen. Wir haben einen Song über einen Freund, sich sich umgebracht hat. Necrologue heißt der. Wir haben den oft gespielt. Es ist ziemlich merkwürdig, den zu singen

Ist es schwerer, so etwas auf Isländisch zu singen als auf Englisch?

Es ist viel näher dran für mich auf Isländisch, weil das deine Muttersprache ist, die Sprache, in der ich denke. Wenn ich über einen Isländer schreibe, tue ich das für gewöhnlich auf Isländisch. Würde ich einen Song über dich schreiben, würde ich das wahrscheinlich auf Englisch tun.

Was treibt euch an, immer weiter mit Sounds zu experimentieren, warum habt ihr den traditionellen Weg, wie man Black Metal aufnimmt, verlassen? Ich meine diese Art und Weise, mit miesem Equipment und miesem Aufnahmegerät vorsätzlich schlechten Sound zu produzieren.

Wir haben das ja nie wirklich gezielt verfolgt. Ich habe De Mysteriis Dom Sathanas viel gehört (Mayhem, Anm. d. Redaktion), was einfach eine scheißgute Produktion hat. Dasselbe gilt für die ersten Immortal-Alben. Soulside Journey und A Blaze in the Northern Sky von Darkthrone zähle ich ebenso dazu. Wir haben nie versucht, gezielt schlechten Sound zu produzieren. Ich sehe das mit einer gewissen Punk-Attitüde. Ich finde immer noch, dass Panzerfaust von Darkthrone megageil klingt und nicht so einen Sound wie das neueste Dimmu-Borgir-Album haben sollte. Das wäre nicht die gleiche Magie. Trotzdem ist das eine Frage der Zeit. Wenn eine Band 20 Jahre unterwegs ist und sich nicht entwickelt hat, dann läuft etwas falsch. Wenn Metallica vier Mal nacheinander Kill 'em all aufgenommen hätten, was hätten wir da alles verpasst?

Och, ich hätte damit leben können.

Dann hätte es aber kein Ride the Lightning oder Master of Puppets gegeben. Ich liebe Kill 'em All, aber Master of Puppets ist das bessere Album. Wenn wir nur so Sachen gemacht hätten wie unser erstes Album In Blood and Spirit, das 1997/1998 entstanden ist, dann gäbe es kein Fjara, das Köld-Album wäre nicht aufgenommen worden. Das ist einfach ein natürlicher Prozess. Eine Band ist ein lebendiges Ding. So wie ein Mensch, der irgendwann erwachsen wird, Sex will, Kinder bekommt, ein Haus kauft, umzieht und so weiter. Eine Band lebt, entwickelt sich, verändert sich.

Was ist dir als Gitarrist besonders wichtig, wenn du ein Album einspielst? Was sagst du Aufnahmetechnikern, worauf du besonderen Wert legst?

Ich sage das tatsächlich jedes Mal: Ich will einen Gitarrensound, der nach Neil Young klingt. Und nach Slayer.

Was gefällt dir am Sound von anderen Bands? Wo denkst du: „Verdammt, den Song hätte ich gerne selber geschrieben!”

Es gibt viele Songs, wo ich genau das gedacht habe. Allerdings muss ich hier zugeben, dass ich ein verkappter Schlagzeuger bin. Mir ist Drumsound wichtiger als Gitarrensound. Wenn ich ein neues Album höre, ist das erste, worauf ich achte, wahrscheinlich der Bassdrumsound.

Magst du Gitarrensoli?

Ja, klar. Auf jeden Fall. Meine erste „göttliche Eingebung” in die Richtung war sicherlich, als ich Slayers Reign in Blood das erste Mal gehört habe, vor allem die Soli bei Angel of Death. Als ich das gehört habe, hat mein Leben sich verändert. Wir selber haben aber nie viel auf Soli gesetzt. Ich könnte unsere Soli vermutlich an einer Hand abzählen.

Wenn du deine eigene Musik auf schlechtem Equipment hörst, auf billigen Stereoanlagen oder durch miese Kopfhörer, was fehlt dir am meisten?

Svavars Bassgitarrensound auf jeden Fall. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir mit Masterpiece of Bitterness das erste Mal richtig guten Basssound in dieser Band hatten. Svavar hatte einen Ibanez-Bass und ein Rackpedal, angeschlossen an einen Ampeg-Verstärker mit 10-Zoll-Lautsprechern. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir vorm Studio Ritual of Fire gespielt haben, einen 25-Minuten-Song, bei dem ich zwischendurch immer ein paar Potentiometer auf meinen Pedalen verstellen musste und mein Ohr war ganz nah an Svavars Bassverstärker. Der war komplett aufgedreht und ich dachte: „Verdammt, das ist der beste Basssound, den ich je gehört habe.

Das ist ungewöhnlich. Verkappter Drummer, verkappter Bassist…

Naja, ich habe als Bassist in einer Death-Metal-Band angefangen, als ich 12 war. 1993 bin ich dann zum Drummer avanciert und erst 1995 habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Ich bin sozusagen einmal im Kreis gelaufen.

Anderes Thema: CD oder Vinyl?

Vinyl, auf jeden Fall. Platte ist einfache das ultimative Format heutzutage. Versteh mich nicht falsch. Höre ich neue Alben eher auf meinem Telefon hier oder auf Platte? Auf meinem Telefon, klar. Wir leben im 21. Jahrhundert. Aber ich habe locker 3000 Schallplatten in meinem Wohnzimmer. Ich habe auch noch alle meine CDs. Vinyl ist aber auf jeden Fall das romantischste Format. Das größte Cover. Platten abzuspielen ist wie ein Ritual.

Kopfhörer oder Stereoanlage?

Das ist eine gute Frage. Kopfhörer haben die Eigenheit, dass man immer alles mit demselben Abstand hört. Stereoanlagen… puh, ich finde, man kann das nicht vergleichen. Ich habe gerade Bluetooth-Kopfhörer mit aktiver Rauschunterdrückung gekauft und liebe die Dinger einfach.

Nachdem Addi das Festivalgelände verlassen hatte und wir noch ein paar Bier geschwenkt haben, bleibt uns eigentlich nur noch, euch die aufgelisteten Kopfhörer zu empfehlen.

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