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Neues Behemoth-Album: Wir waren bei der Listeningsession!

Es ist Freitagabend, 19:30 Uhr. Das Studio U22 in einem eleganten Jugendstilbau im Warschauer Botschaftsviertel ist in rotes Scheinwerferlicht getaucht und Spannung liegt in der Luft. Eigentlich hätte Behemoths Pre-Listening-Party schon vor einer halben Stunde anfangen sollen, aber die Gastgeber lassen auf sich warten. Im Grunde hatte ich das kommen sehen, da ich noch die Satiretexte aus dem Russischstudium im Hinterkopf hatte, die bei Stalins Auftritten dasselbe Phänomen beschreiben: „Genosse Stalin, die Herren aus dem Zentralrat sind jetzt versammelt und warten seit anderthalb Stunden. Was soll ich tun?“ – „Na, lassen Sie sie warten, Sie Blödmann!“

Nebenbei schwirrt mir noch der bekannte Lichttechniker-Satz im Kopf herum: „Rotes Licht wird nur von zweierlei Klientel benutzt. Von Slayer und von Nutten.“ Wie letztere scheinen mir Behemoth nicht unbedingt drauf zu sein und mit Slayer waren sie gerade lange auf Tour. Man scheint sich da eine Scheibe abgeschnitten zu haben.

Wie dem auch sei, ich habe zwei Nächte nicht geschlafen, 30 Stunden innerhalb von 3 Tagen in verschiedensten Verkehrsmitteln zugebracht und halte warmen Ballantines-Cola in der Hand. Die Voraussetzungen könnten bessere sein. Ich habe nie verstanden, wieso die Polen so gutes Bier brauen (Zywiec, Ksiazece, Zlote Lwy um nur einige zu nennen) um dann immer warmen Importwhiskey zu verklappen. Das aber nur am Rande.

Jetzt ist der Moment gekommen, mich der Band hinzugeben, die mich dazu gebracht hat, Polnisch zu lernen, lange Jahre dabei zu bleiben und nicht unschuldig daran ist, dass ich nach Warschau ausgewandert bin.

Nach einer kurzen Einführung durch Studioinhaber Piotr Welc und Interviewer Jarek Szubrycht hören wir die ersten drei Stücke von „I loved you at your darkest“ über Marantz- und Accuphase-Gerätschaften, die der Audio-Forum-Partner Horn Distribution dem Studio U22 zur Verfügung stellt. Zur Platte aber später mehr. Jetzt ist Nergal dran, uns zu erklären, wie das Album entstanden ist. Vergesst nicht, Untertitel anzuschalten, wenn ihr kein Polnisch sprecht.

 

Falls Gott vorhatte, den charismatischen Fronter mit dessen Leukämiediagnose 2009 zu bestrafen, so ist ihm ziemlich genau das Gegenteil gelungen. Nergal ist gut aufgelegt, wirkt routiniert, aber trotzdem nicht, als würde er die gleiche Leier abspielen. Man sieht ihm an, dass der Blutkrebs für eine fundamentale Geisteswandlung gesorgt hat. Wer so lange so nah am Tode steht, lebt jeden Tag, als wäre es der letzte. Im Laufe des Abends sagt er das auch mehrfach wortwörtlich und fällt nebenbei dadurch auf, dass er sich über die Homophobie seiner Landsleute am laufenden Band lustig macht. Er trinkt „schwulen“ Prosecco, taucht nach den ersten drei Stücken wieder im Hörraum auf und lässt halblaut ein „was für schwule Mucke“ fallen und gefällt sich auch sonst in der Rolle des Provokateurs.

Trotzdem ist das Aufmerksamkeitslevel des Publikums nicht das, das ich erwartet hätte und der Geräuschpegel während Interview und Listeningsession ist erstaunlich hoch. Es werden am laufenden Band Kommentare eingeworfen während die Band spricht oder die Musik läuft und im Hintergrund wird lautstark diskutiert. Es scheint klar, dass 80% der Anwesenden durch persönliche Nähe zur Band das Album lange kennen und es deshalb nicht mit dem – wie ich finde – gebührenden Respekt behandelt. Gleichzeitig ist es schön zu sehen, dass die Band von Freunden umzingelt ist und das Treffen mit der Presse somit nicht wie ein langweiliger Pflichttermin scheint.

Nun endlich zum Album. „I loved you at your darkest“ ist wie eine Mischung aus The Satanist und Evangelion, wobei es noch einmal analoger, organischer und menschlicher als The Satanist klingt und wie der Soundtrack zu einem Rundgang in der Gemäldegalerie des 14. bis 17. Jahrhundert wirkt. Das hat nicht nur mit dem einschlägigen Coverartwork zu tun; das Album und auch das lyrische Konzept schreien einfach sehr nach spätem Mittelalter/früher Neuzeit und der damaligen Interpretation der Bibel. Das mag nicht unbedingt verwundern, wenn man sich vor Augen führt, dass Nergal Magister der Geschichtswissenschaft ist.

Hinter der heutigen Listeningsession stehen ein Accuphase C-2120 sowie Marantz PM-10 und SA-10. Obwohl viele bei härterer Musik eher auf Denon zurückgreifen, freue ich mich über diese Entscheidung, da Marantz meiner Meinung nach noch eine Runde musikalischer zu Werke geht und mit seiner weitestgehend linearen Wiedergabe die zuhauf vorhandenen Details der Scheibe klar abzeichnet und gut hörbar macht. Wir haben einige Marantz-Verstärker und -CD-Spieler für euch aufgelistet, die wir für Metal besonders empfehlen. Behemoth haben nicht erst gestern damit angefangen, ihre Alben reichlich mit Effekten und Zugaben zu schmücken, sodass es wirklich nicht jeder Wiedergabekette leicht fällt, wirklich alles sauber aufzustaffeln und nebeneinander erklingen zu lassen. Orions Bassläufe nehmen mittlerweile die Gelassenheit eines John Paul Jones an, Infernos Blasts klingen unheimlich organisch und erfrischend menschlich und vielerorts haben wir es mit Einsprengseln von Akustikgitarren oder leicht verzerrten Cleangitarren zu tun, die die eben beschriebene Atmosphäre heraufbeschwören. Ich habe beim Hören der Platte wirklich eine Stadt wie Brügge oder Prag im Kopf, die in die surreale Perversität eines Hieronymous-Bosch-Gemäldes getaucht ist.

„I loved you at your darkest“ zeigt ganz deutlich, dass Behemoth niemandem mehr irgendetwas zu beweisen haben. Hier steht einfach nur verdammt gutes, zielstrebiges und vielseitiges Songwriting im Vordergrund. Wir haben es mit einer erwachsenen Platte zu tun von einer Band, die sich jahrelang den Rücken krumm gespielt hat, zu Evangelia-Heretika-Zeiten locker 40 bpm zu schnell war und generell mehr gegeben hat, als die meisten anderen Kapellen. Heutzutage sind die Danziger aber weitaus entspannter, liefern eine teils geradlinige, teils vertrackte, aber niemals langweilige Scheibe ab, die bei den meisten beim zweiten, dritten Hören erst zünden wird. Der Ohrwurm „Bartzabel“ aber wird höchstwahrscheinlich schon beim ersten Mal im Gehörgang steckenbleiben.

Wer Behemoth auf den Social-Media-Kanälen verfolgt hat, der wird mitbekommen haben, dass ein Kinderchor auf dem neuen Album hören ist, der auch im vorab veröffentlichten Track God=Dog zur Geltung kommt. Einige der Kinder sind heute Abend anwesend und Nergal lässt wieder nicht locker und betont ein weiteres Mal, wie wichtig es ist, dass solche Konzepte überhaupt machbar sind und es ihn freut zu sehen, dass nicht das ganze Land von der erzkatholischen PiS-Partei gehirngewaschen wurde. Darauf ein Prosit mit handwarmem Whiskey.

Arne Uekert

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