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WUCAN: "AUCH IN DEN 70ERN HABEN SIE GESCHNIPPELT"

Der Grundstein für Wucan wurde 2011 gelegt, als Sängerin Francis sich auf die Suche machte, „Bluesbrothers“ zu finden. Das 2013er Demo hab ich, noch mit ungemischten Studiotracks angereichert, in einer höchst authentischen CD-R-Hülle mit handgeschriebenen Kommentaren zu den Songs in meiner Sammlung. Schon dieses Demo hat gezeigt, wohin die Richtung geht: Wucan hegen großes Interesse an den Anfängen harter Musik, wie sie in den 60ern und 70ern weltweit gespielt wurde. Dabei finden sich schleppend-doomige Passagen wie bei frühen Black Sabbath, virtuos verspielte Querflötenweisen, gerne auch unisono mit der Leadgitarre zusammen, oder auch punkig angehauchte, schmutzigschwere Riffs. Inspiriert von diesem Pioniergeist spannen Wucan folglich auch den Bogen weiter und verkommen nicht zu einer der sogeschimpften Retro-Bands, sondern reichern ihre Musik mit deutschen Texten und Sagen aus dem lokalen Kulturraum an. Es ist also müßig, die Band in Schubladen stecken zu wollen und wir konzentrieren uns deshalb lieber auf das Wesentliche: Wucans Sound.

Francis, ihr habt euer letztes Werk in Berlin in einem Analog-Studio mit Bandmaschinen und allerlei eigentlich von der Zeit überholtem Firlefanz aufgenommen. Was ist anders am Klang, den man analog aufnimmt, warum habt ihr euch für so eine eher aufwändige Technik entschieden?

Der Witz ist: wir haben nie analog aufgenommen und dies auch niemals behauptet. Wir spielen auch zum größten Teil neues Equipment, zum Entsetzen aller „70s Bands“, mit denen wir unterwegs sind. Ich frage mich immer, woher diese Annahmen kommen. Hat das mit unserem Image zu tun? Allerdings nehmen wir unsere Basic Tracks live auf und haben bei „Sow The Wind“ auch komplett analog gemischt. Bei „Reap The Storm“ nur teilweise - lange Geschichte! Dann muss man sich auch die Frage stellen: will ich als neue, junge Band wirklich eins zu eins klingen wie eine Band von vor 50 Jahren? Das wird uns und unseren Genrekollegen ja gerne unterstellt - nur kopieren, nichts allein auf die Kette kriegen. Davon wollen wir gern Abstand nehmen.

Analoge Aufnahmen haben so einen guten Ruf im Moment in unserer Szene… als ob jede Band, die digital aufnimmt, automatisch bescheißt und autotuned und man nicht auch analog sehr gut faken könnte. Yes haben beispielsweise in 30-Sekunden-Intervallen aufgenommen. Janis Joplin hat für „Move Over“ über 30 Takes gemacht. Geschnippelt haben sie auch in den 70ern schon wie die Weltmeister.

Das Big Snuff-Studio ist definitiv eine Anlaufstelle für Analogaufnahmen, aber auch dort geht ohne Computer nichts. Ich kenne kein Studio, was gänzlich ohne Computer auskommt. Vollkommen egal, welches Equipment der Tontechniker nutzt. Niemand hat bisher eine Zeitmaschine erfunden, also nimmt man 2018 auch nicht auf wie 1969. (lacht) Ungeachtet der Frage, ob wir analog hätten aufnehmen wollen oder nicht (denn why not?): bei drei Wochen Studiozeit und knapp 80 Minuten Material war das für uns nicht realisierbar. Der Song „Aging“ hatte direkt vor dem Mix überschaubare 90 Spuren. Chöre, Soli, Gongs, Flötenspuren, Sprechteile. Wer soll das bezahlen?

Denn die Realität vieler Bands heutzutage sieht doch so aus: die Musik ist ein Hobby. Urlaub nimmt man vom Job für die Aufnahmen, das muss dann aufgrund der hohen Studiokosten auch alles innerhalb einer Woche sitzen und fertig gemischt sein. Wenn du 250€ pro Tag im Studio zahlst, bist du schon gut bedient. Wenn du den Spaß analog aufnimmst, dauert das länger und kostet zusätzlich noch die Bänder… Bist du Perfektionist, verbrauchst du viele davon. Eine Platte kostet richtig, richtig Geld. Geld, was du mit deinen 20 Gigs und den Plattenverkäufen vielleicht gerade so rein bekommst.

Dem Druck, alles in wenigen Takes einzuspielen, da Bänder nicht umsonst sind und das Verfahren wesentlich zeitaufwändiger ist, will ich mich in Ausnahmesituationen wie Studiozeit nicht zusätzlich noch aussetzen. Zumal der Klangunterschied der reinen Aufnahmen (!) umstritten ist. Allein der Fakt, dass wir wiederholt auf unsere angebliche analoge Aufnahmeweise angesprochen werden, zeigt doch, dass Analogaufnahmen nicht per se als solche zu identifizieren sind oder besser klingen. Es sei denn, man vergleicht eins zu eins. Ich finde schon, dass man dann eine Bandzerre hört. Aber dann kommt ja noch der Mix, das Mastering - am Ende spielen viele Faktoren zusammen, nicht wahr?

Wir haben gute Kompromisse gefunden und glauben, Liveaufnahmen machen am Ende den Spirit der meisten alten Bands aus und nicht zwingend allein der Bandsound. Da kann man wirklich schwer bescheißen. Da muss die Band tight zusammenspielen, da kommt die Energie her! Unserer Philosophie nach (und das mussten wir auch erst schmerzlich lernen), müssen Bass und Schlagzeug richtig kicken! Wie gesagt: Es gibt so viele Faktoren für das Endprodukt. Mikrofonierung, Mix, Mastering, Raum, Instrumente, Stimmung der Band, Talent, Stil, Songwriting, Aufnahmeweise und nicht zuletzt auch die Fähigkeiten des Ingenieurs… Du kannst analog aufnehmen, dir darauf die Eier kraulen und trotzdem scheiße klingen.

Ich klinge, als wäre ich ein harter Analog-Gegner: das bin ich gar nicht. Ganz im Gegenteil. Ich mag den Vibe und ich verstehe, wenn Bands sich dazu entscheiden, analog aufzunehmen. Aber ich sehe darin ein bisschen die Gefahr, die Qualität der eigentlichen Musik nahezu dogmatisch nach der Aufnahmeart zu bestimmen, welcher obendrein (fälschlicherweise) ein hohes Maß an Können/ Talent der Band, Unverfälschtheit, Ursprünglichkeit und Ehrlichkeit zugesprochen wird.

Dann geht es plötzlich nicht mehr um die Faktoren, die ich oben genannt habe, sondern nur noch darum, welches Aufnahmemedium dahintersteht. Obwohl ich sagen muss, dass es mich angesichts der sozio-ökonomischen Begebenheiten heutzutage (Digitalisierung, Globalisierung, „Überschuss“ an Bands) auch nicht wirklich wundert. Digital aufnehmen kann jeder mit einem guten Computer von zu Hause aus. Analoges Aufnehmen verlangt schon ein hohes Maß an Expertise und ist für einige Studios ein wichtiger Faktor, um sich überhaupt noch über Wasser zu halten. Das allein kann aber nun wirklich nicht der Qualitätsindikator für das Endresultat sein. Diese Entwicklung sehe ich aber leider so ein bisschen.

Wobei eine Diskussion über digital vs. analog ja überflüssig ist, da wir offenbar die Hörer wiederholt in die Irre geführt haben. (lacht) Viele Wege führen nach Rom und Sound ist für uns extrem wichtig. Aber man muss eben auch seine (finanzielle) Realität erkennen und das Beste draus machen. Wir haben den Mittelweg genommen, schätze ich.

Wenn du die Studioaufnahmen mit euren Demos vergleichst, die ihr höchstwahrscheinlich während des Songwritings aufnehmt: was ist anders, was ist besser?

Wir haben natürlich während der Studioaufnahmen mehr Zeit, uns auf das Arrangement zu konzentrieren und kontinuierlich, reflexiv und prozessartig an der Produktion zu arbeiten. Entsprechend ist das Arrangement zielführender (sprich: was will ich ausdrücken? Was ist das Feeling des Songs?). Darunter verstehe ich auch den Sound der einzelnen Spuren, nicht nur das Zusammenspiel.

Aber unter uns: unsere Demoaufnahme vom „Wizard“ auf Vikarma war schon echt einen Zacken geiler, als das Endresultat auf der EP. Alles glattziehen kann auch nach hinten losgehen.

 

Was fasziniert dich am Sound alter Bands wie Jethro Tull, Led Zeppelin, Black Sabbath, etc.?

Also an Jethro Tull fasziniert mich nichts, außer der Tatsache, dass sie die einzige Band mit Flöte sind, die die Menschheit zu kennen scheint und alle denken, man müsse als Flötist ein Tull-Fan sein. (lacht)

Spaß beiseite. Ich weiß, dass wir viele Hörer an sie erinnern.

Interessant sind für mich vor allem Bands aus dem Untergrund. Mainstreambands wie Zeppelin und Sabbath standen alle Türen offen…  Aber wie haben die Garagenbands aufgenommen? Warum klangen selbst DIY-NWOBHM-Scheiben so geil? Ich denke da wirklich oft drüber nach.

Viel geschieht über die Energie (again: Liveaufnahmen!), die Leidenschaft in der Performance, den Groove. Dinge, die man eben nicht direkt sinnlich erfahrbar machen kann. Sound muss den Spirit der Band/des Stückes unterstützen, dann ist er gut. Deswegen kann sowohl ein Drumsound wie der von buchstäblich jeder Ratt-Platte für mich genauso geil sein wie der Drumsound von Chic, oder der von der 7“-EP Sucker for Your Love von Black Rose. Ich glaube, die Identität der Band spielt da eine nicht zu unterschätzende Rolle.

War früher alles besser?

In den 2000ern gab es ein Deo von Rexona, was nach Kaugummi gerochen hat - RIP. Never forget!

Bei „Reap the Storm“ habe ich zeitweilig das Gefühl, dass die Band quasi „hochgesetzt“ spielt, weil das Bassfundament derart dick ist, dass es eigentlich mehr als Fundament ist. Als würdet ihr im ersten Stock sitzen und das Erdgeschoss ist ausschließlich Bass. Wie seid ihr auf so einen Sound gekommen?

Sehr gute Frage, wow. Da habe ich nie so drüber nachgedacht.

In meinem (also meinen Part betreffend) Arrangement war schon angesetzt, im Highgainbereich zu spielen. Liegt auch ein wenig an meinem Amp, schätze ich, der sehr crunchig klingt. Ich reiße den Gain auch immer voll auf - ich mag das live. Im Studio ging das völlig nach hinten los. Nur Gebrutzel, weswegen wir Stunden mit der Soundfindung zu tun hatten und dann einen fast fuzzigen Sound gewählt haben. Rischi von Heat hat uns seinen Supro geliehen.

Obwohl uns viele Menschen für eine Hippieband halten, haben wir in dem Album 1a Metalnummern am Start - das wird auch in Zukunft nicht weniger! Großer Minuspunkt im Feeling einiger Metalsongs aus den 80ern, die ich gern mag, ist die Nonpräsenz von Bassfrequenzen, ist dir das mal aufgefallen? Ich mag es, komplett vollgeballert zu werden. Es muss brummen und gleichzeitig im Oberstübchen des Frequenzbereiches knallen. Ich glaube, das ist relativ ungewöhnlich, aber da haben wir uns als Band auf unser Bauchgefühl verlassen.

Wie gehört eure Musik gehört? CD, LP oder Musikstream? Warum?

Jeder nach seinem Gusto. Ich höre es gern unterwegs, daher streame ich. Aber qualitativ gefällt mir Vinyl natürlich besser. Es ist einfach etwas ganz Besonderes, die Platte aufzulegen und ein Album komplett zu hören - nicht nur einen Song in Schleife zu konsumieren.

CD und Vinyl haben übrigens zwei verschiedene Masterings, die unmittelbar mit dem Format zusammenhängen (Übergang Falkenlied/Aging), also muss man selbstverständlich beide Formate kennen. (lacht)

Warum machst du überhaupt Musik? Was willst du ausdrücken, was fasziniert dich am Klang? Was ist dir an Wucans Sound am wichtigsten? Was sagt ihr dem Tontechniker vorm Mix eines Albums und was davon vermisst du manchmal, wenn du das Album auf verschiedenen Anlagen abspielst?

Ich könnte mir in meinem Leben nichts anderes vorstellen und habe viele Jahre darauf hingearbeitet, in dem, was ich mache, besser zu werden. Ich kann gar nicht anders… Das geht sicher vielen Künstlern so. Ein bisschen Angst habe ich schon vor dem Tag, an dem ich mit dem Studium fertig bin und regulär arbeiten gehen muss. Da wird wesentlich weniger Zeit für die Musik bleiben.

Ausdrücken will ich vor allem mich selbst, again: wie viele Künstler eben auch. Schwer zu sagen. Jeder Song ist eine andere Facette von uns. Gewissermaßen ist es wie das Feiern des Lebens selbst. Die Aufs und Abs.

Dem Tontechniker sage ich immer kackendreist: Kein Delay! Ich bin ein gebranntes Kind, was das angeht und ich habe einen sehr, sehr eigenen Geschmack, was Delay auf meiner Stimme angeht. Daher sprechen wir das immer gemeinsam ab und finden das, was alle happy macht.

Im November wurden meine Over-Ear-Kopfhörer aus dem Van gestohlen. Das waren die besten, die ich bis dahin besessen habe und die waren ein Geschenk von jemandem, den ich sehr mochte. Daraufhin hab ich mir zu Weihnachten noch etwas hochwertigere geholt und damnit! Die sind tausend Mal besser. In unseren Aufnahmen höre ich dort sogar den Schrei am Ende bei „Wie die Welt sich dreht“, der ungelogen auf jeder anderen Anlage nicht zu hören ist. Zugegebenermaßen habe ich auch keine HiFi-Anlage der ersten Güteklasse zu Hause (Studentin und so), aber ich vermisse doch die Details und Effekte, die wir in die Songs eingestreut haben, manchmal.

Danke für deine Geduld und dass du überhaupt das Interview mit uns führen wolltest, Arne!

Um Wucan so zu hören, wie Francis und ihre Jungs sich das gedacht haben, empfehlen wir euch die aufgeführten Plattenspieler und Kopfhörer. Der Denon Ah-D1200 zum Beispiel bietet nämlich genau das: er schiebt untenrum, brät aber auch im Oberstübchen, so wie Fran das bevorzugt.

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