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Micha-El Goehre: Metal und Comedy - passt das zusammen?

Micha-El Goehre ist hauptberuflich Poetry Slammer, Buchautor und Moderator. Neben Henry Rollins, dem Dunklen Parabelritter, Behemoths Frontmann Nergal (zumindest teilweise) und einigen anderen macht er etwas, was Puristen so richtig ekelhaft finden: er geht mit Heavy Metal in die breite Öffentlichkeit, gar in den Mainstream, ohne eine Gitarre in der Hand zu haben. Er macht sich sogar darüber lustig. Dabei stößt er auch bei Menschen auf offene Ohren, die sich für die Musik gar nicht interessieren. Darf man das? Verstößt das gegen irgendeinen Kodex? Wenn ich überhaupt eines gelernt hab, dann ist das, dass ich auch selbstkritisch mit mir selbst umgehen muss und mich fragen muss, was ich eigentlich von den Regeln halte, die andere mir auflegen. Ob ich die Regeln von der Gesellschaft oder meiner Subkultur auferlegt kriege, ist mir dabei völlig egal, ich halte von beidem nichts. Micha-El sieht das offenbar ähnlich und muss sich deshalb im Folgenden meine Fragen gefallen lassen, um dem Audio Forum Berlin zu zeigen, was man ohne Gitarre überhaupt auf der Bühne zu suchen hat.

Moin Michael, du stehst regelmäßig auf Poetry-Slam-Bühnen und machst dich über eine Musik lustig, die dich wahrscheinlich dein Leben lang schon begleitet. Du trägst entsprechende T-Shirts und hast Haare bis zum Arsch. Was motiviert dich dazu, dich in der Öffentlichkeit über Heavy Metal zu mokieren?

Na ja, die erste Regel für Autoren besagt, dass man über die Dinge schreiben soll, mit denen man sich auskennt. Irgendwann um 2009 oder 2010 habe ich angefangen Metal in meine Texte einzubinden.  Ich hab zu der Zeit auf einer Metalparty im Bielefelder Falkendom aufgelegt und zu den Stammgästen gehörte eine sehr junge Black-Metal-Clique, die sich immer irrsinnig abstruse Bands und Songs von irgendwelchen ultrararen 7-Inches gewünscht hat und das Ganze auf geradezu niedliche Art ernst genommen hat und sich ultragrimmig gab, was mit zartem Flaumbart und dünnen Ärmchen halt komisch wirkt. Bei denen hab ich immer nur gedacht: „Wartet mal ab, bis ihr eure erste Freundin habt“. Womit ich Recht behalten habe. Die Jungs waren dann die Inspiration für den ersten Black-Metal-Tagebuchtext, der Bombe ankam, bei Metalheads wie auch anderen Slamzuschauern. Als dann der erste Roman fällig war, blieb ich beim Thema, daraus entstand meine Kolumne und der Rest ist Geschichte. Ich sage immer, ich lache mit Metalheads und nicht über Metalheads. Wir sind halt eine merkwürdige Szene und genau das ist das Geile daran.

 

(c) by Katja Blondin

Hattest du anfangs Angst, auf die Bühne zu gehen und Metal als Zielscheibe für Humor zu nehmen? Ich habe mich mal mit dem Comiczeichner Timo Würz unterhalten, der um das Jahr 2000 herum Black-Metal-Comics herausgebracht hat. Die Black-Metal-Szene der 90er Jahre ist durch Brandstiftung, Mord und diverse weitere Verbrechen international in den Medien gewesen und hat dementsprechend Publikum angezogen; teilweise tut sie das bis heute. Daraufhin hat Timo Würz sich diverse Morddrohungen anhören müssen und hat schlussendlich sein Tätigkeitsfeld gewechselt, weil ihm alles zu bunt wurde. Hast du ähnliche Befürchtungen gehabt?

Ehrlich gesagt, bin ich ein bisschen geknickt, dass es bis dato noch keinen echten Hate gab. Angst hatte ich nicht, dafür bin ich zu lange in der Szene und wusste, dass ich genug Rückhalt habe. Wenn mir einer dumm gekommen wäre, hätte er sich gleich mit einem ganzen Haufen sehr großer Leute angelegt. Ich hab auch schon auf extremen Konzerten und Festivals gelesen und trotzdem immer positives Feedback gekriegt. Im Netz gab es hier und da mal Kommentare wie „Finde ich kacke“ oder „Der hat keine Ahnung“, aber das ist ja legitim. Einmal hat ein Besoffener einen Bierbecher geschmissen, aber erstens war der Becher fast leer und zweitens hat der Typ schon „Sorry, hab mich verhört“ gebrüllt, als das Ding noch zwei Meter neben mir über die Bühne segelte.

Wie schaffst du es eigentlich, Metal trotzdem ernst zu nehmen? Was fasziniert dich an der Musik? Ist es nicht gerade diese Überspitzung von höher-schneller-weiter-extremer-böser, die zwar den Reiz am Metal ausmacht, ihn aber gleichzeitig zum perfekten Opfer für Witze macht?

Am Ende der Tages geht es um die Musik und die nehme ich sehr ernst. Manowar mögen zwar als Personen ziemliche Kasper sein, aber ein Album wie „Kings of metal“ wird mir bis zum Ende meines Lebens die Schuhe ausziehen. Und im Grunde genommen sind Bands mit extremen Images, die sich geradezu anbieten, das man sie auf die Schippe nimmt, eher die Minderheit. Der Großteil der Combos ist eigentlich ziemlich bodenständig. Sie nutzen zwar das Element der Übertreibung, sind menschlich aber eher die hemdsärmeligen Arbeiter, die mit ihrem Publikum eine gute Zeit haben wollen, nicht mehr und nicht weniger.

In einem Poetry-Slam-Publikum kommen die Leute ja durchaus auch für andere Künstler in die Clubs und falls du in einer Stadt bist, in der man dich noch nicht kennt, hast du statistisch gesehen vielleicht 5% Menschen, die überhaupt wissen, was Black Metal ist. Trotzdem bringst du sie dazu, vor Lachen ihr Bier zu verschütten. Wie machst du das?

Wenn ich das mal wüsste...  Die meisten machen wahrscheinlich gar keinen Unterschied zwischen Black und anderem Metal. Und durch zahlreiche Berichte und Dokus kennt man uns Vögel ja inzwischen. Zumal sich einige Gags vermutlich im Kopf des Hörers transkribieren. Z.B. lässt sich die Unlesbarkeit von Black-Metal-Logos auf Graffiti-Tags übertragen. Oder ob man nun das Sammeln von Tapes oder die Züchtung von Kaninchen mit heiligem Ernst betreibt - es wirkt auf den außenstehenden Betrachter komisch und anrührend. Ich kann selbst auch über einen guten Mathematik-Witz lachen, solange er für mich auf meine Begriffswelt übertragbar ist.

In deinen „Jungsmusik“-Büchern hält sich das Geschlechterverhältnis weitestgehend die Waage. Trotzdem der Titel. Ganz platt und bewusst blöd gefragt: Ist das nicht Sexismus? Warum der Titel?

Ich habe einen Text genau darüber geschrieben, der heißt „Mädelsmusik“. Der Titel sollte durchaus ein bisschen provozieren und zum Nachdenken anregen und ist ironisch zu verstehen. Metal ist immer noch eine sehr männlich dominierte Szene. Der Begriff „Jungsmusik“ überspitzt das. Auf meinen Partys habe ich oft Sachen gespielt, bei denen dann angepisste Hartmetaller ankamen und mir vorwarfen „Mädchenmusik“ zu spielen. Das stimmte, denn ich wollte, das sich auch Frauen bei mir wohlfühlen und Spaß haben. Und tatsächlich erhöhte sich der Frauenanteil rapide. Und plötzlich tanzten die Alphatiere auch zu der „Mädchenmusik“. Sexismus und Feminismus sind Themen, die nicht gerne in der Szene angesprochen werden, aber genau das tue ich. Da verlasse ich die Comedy-Wohlfühlzone und stoße auch mal den einen oder anderen vor den Kopf, damit er mal über sein Geschlechterbild nachdenkt. Wir müssen nicht zum durchgegenderten Ponyhof mutieren, aber Frauen sollten nicht als Grabschobjekt und Bierschubse angesehen werden, sondern als Menschen, Fans und Künstlerinnen die man verdammt noch mal zu respektieren hat.

Welche „witzigen“ Metalbands findest du überhaupt nicht witzig und warum ist das so?

Comedymetal kann ich generell nicht ab. J.B.O., Feuerschwanz und solche Truppen sind mir zuwider. Das ist alles so spießig deutsch. Bierzeltmetal. Tenacious D oder Knorkator sind da ganz andere Kaliber, wahrscheinlich weil sie auch geile Songwriter sind. Vor allem viele progressive Bands verstecken in der Musik an sich Scherze. Über so was kann ich lachen.

Was ist deine Einstellung zu Metal (gerade Black Metal) vs. Mainstream?

Mir ist das wumpe. Wenn eine Band gut ist, ist sie gut. Problematisch wird es, wenn eine gute Band sich verändert, um sich dem Mainstream anzupassen. Das merkt man meistens und macht die Aura kaputt, finde ich. Zumal solche Musik dann auch weniger nachhaltig ist und schnell langweilig wird. Aber Erfolg würde ich einer Band nie vorwerfen. Iron Maiden haben einen eigenen Jumbojet! Und es gibt kaum einen ernsthaften Metalfan, der ihnen den Respekt verweigern würde.

Der Text, durch den ich überhaupt erst auf dich aufmerksam geworden bin, zieht ziemlich überspitzt den Alltag eines Black-Metal-Hörers durch den Kakao. Dabei machst du Witze über die bewusst miese Aufnahmequalität der einschlägigen Alben und die unlesbaren Schriftzüge der Bands. Ist Black Metal deiner Meinung nach überhaupt Kunst? Wie siehst du die Entwicklung der Sparte seit den 90ern bis heute?

Natürlich ist Black Metal Kunst, meiner Meinung aufgrund der Radikalität einiger Acts mehr als die meisten anderen Metalrichtungen. Aber es gab eine Weile eine Schwemme an Veröffentlichungen, die als Solokellerprojekte versucht haben, einen auf Underground zu machen, aber letzten Endes nur lieblosen (oder heißt das dann hasslosen?) Mist fabriziert haben. Das ist zum Glück weniger geworden. Black Metal hat sich seit seinen Anfängen sehr aufgesplittert. Es gibt die Oldschoolfraktion, atmosphärischen BM, Vermischungen mit Death Metal oder Indie und, und, und. Ich mag viele Acts wie Urfaust oder Primordial, die den Spirit in sich tragen, aber von Traditionalisten (zu Recht) nicht mehr dem BM zugerechnet werden. Es ist inzwischen ein weites Feld, über das man stundenlang referieren kann.

Was läuft außer Metal bei dir?

Sehr viel. Ich liebe Musik, solange sie von Herzen kommt. Klingt kitschig, ist aber so. Aber Gitarrenmusik der rauen bis harten Gangart wird immer meine Kernliebe sein.

Wie hörst du deine Lieblingsalben? Welche Alben sind das überhaupt und was fasziniert dich an denen?

Über Kopfhörer, da ich zuhause momentan keine ordentliche Anlage habe. Ein gutes oder hervorragendes Album muss mich auf eine Reise mitnehmen, sollte mir eine Geschichte erzählen. Iron Maiden konnten das, momentan sind es bei mir zum Beispiel Sólstafir. Zum Schreiben höre ich auch gerne komplette Soundtracks oder Klassik. Wenn es melancholisch wird, auch mal Antimatter oder Beth Gibbons & Rustin Man. Ich höre seit über dreißig Jahren intensiv Musik, sie ist aus meinem Leben nicht wegzudenken. Mich da auf ein paar Alben zu beschränken würde ich nicht hinkriegen. Das reicht von „Rubber Soul“ von den Beatles bis zum neuen Primordial-Album.

Ich möchte auch gerne mal eine Lanze für den Song brechen: manchmal können drei, vier Minuten Musik sehr viel mehr bedeuten und bewirken, als ein ganzes Lebenswerk. Das schlägt für mich die Brücke zum Poetry Slam: man kann in der kurzen Zeit manchmal mehr bewirken, als beim Lesen einer ganzen Bibliographie. Es muss halt eben nur ehrlich sein und von Herzen kommen.

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Arne Uekert

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